Diagnose einer gescheiterten Fusion
Diagnose einer gescheiterten Fusion
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
2011-06-10 08:08:08
Da Geert Lovink aus der niederländischen Tradition der Pflege minimaler Differenzen zwischen diversen kleinen Religionsgemeinschaften ...
2011-05-29 17:36:18
Kommentar von Ulrike Bergermann
Eine gescheiterte Diagnose, oder: Wo Medienwissenschaft wirklich überflüssig ist Kommentar zu Geert Lovink, "Medienwissenschaften. ...
2011-05-12 09:25:24
Liebe Judith, das elektronische Dokument steht noch nicht online. Folgt ganz bald! Danke für den Hinweis, Kathrin Peters ...
2011-05-11 07:30:12
link zu aktuellem heft (elektronisches dokument) funktioniert nicht. bestellmöglichkeit und link hierzu wäre fein. lg ...
2011-05-05 11:50:09
Kommentar von Sebastian Schmid
Schade, dass Sie mit Ihrer Geldgier der Forschung im Wege stehen. Ich hätte gerne einen Ihrer Artikel gelesen, habe mich aber nun ...
2010-07-19 21:53:07
Lieber Peter Klimczak, danke schön für das Kompliment in Sachen Heftgestaltung! Zeitschriften sind ja ziemlich materielle Angelegenheiten ...
2010-06-14 09:16:34
Dass sich die Psychotherapie "aufgrund ihrer genuinen seriellen Struktur und inhärenten Dramatik" als ideales Setting für TV-Serien ...
2010-05-07 16:26:35
Die meisten werden es sich im Stillen denken und einige werden es den Herausgebern persönlich bereits gesagt haben – nichtsdestotrotz ...
2010-04-23 11:30:39
Kommentar von Ulrike Bergermann
Ein PS zu Holerts "Akku der Kritik": siehe zum Vergleich den schlechtgelaunten Artikel "Internet für Audimarx", http://www.akweb.de/ak_s/ak549/31.htm ...
Eine gescheiterte Diagnose, oder: Wo Medienwissenschaft wirklich überflüssig ist
Kommentar zu Geert Lovink, “Medienwissenschaften. Diagnose einer gescheiterten Fusion”, ZfM 4
Man erkläre mal seinem Neffen…, raisonniert Lovink, und Cramer rät seinem imaginären Kind das Studienfach: Medienwissenschaften sollten es nicht sein, denn es seien keine “guten” Leute mit einem solchen Abschluss bekannt. Hier weiß man noch und wieder, was gut ist! Symptomatisch erscheint, dass hier eine bestimmte Generation, genauer: Protagonisten einer bestimmten Generation, sich vom Format des Manifestes nicht verabschieden können (obwohl sie Eltern und Onkel werden, aber das muss ja kein Argument sein – es akzentuiert die Situation nur). Es scheint der Medienwissenschaft eigen, dass sie ihren Rebellengestus nie ablegen mag. Gründungsvater Kittler geht auch nach Griechenland noch im Revolutionsgewand, und Lovink weiß, dass es um “die Gesellschaft”, um die wirklich wichtigen gesellschaftlichen Dinge gehen muss, an denen sich Fächer wie die Medienwissenschaft messen lassen müssen. Twitter mit Butler zu lesen sei dagegen irrelevant (wenn nicht lächerlich).
Wie billig ist dieser latente Anti-Intellektualismus? Das Tolle an Medienwissenschaft ist: Nur wenn man z. B. Twitter mit Butler liest, wird man nachhaltig dem Problem auf die Spur kommen, das man immer und jederzeit haben wird, in jedem Fach übrigens, wie denn das Verhältnis von Theorie und Objekt zu handeln sei. Erst eine klare Konstellation von Unvereinbarkeiten erlaubt ein reflektiertes Verorten z. B. eines Mediums (mit allem Drum und Dran: Kennzeichnen des eigenen Standpunkts für ein nachvollziehbares framing, Historizität der eigenen Gegenstandskonstitution, nicht zur Relativierung oder als Beliebigkeitsmarker, sondern im Wissen darum, dass Übertragbarkeit, also RELEVANZMACHUNG nur im Hinblick darauf passieren kann) – ansonsten kommt die alte Soße wieder, die latent immer schon weiß, was ein Medium ist oder eben Die Gesellschaft. Dafür brauchte man allerdings kein eigenes Fach Medienwissenschaft.
Eins ist grundsätzlich falsch: “Aufgrund der sich ständig verändernden Definitionen von Medien konnten Theorien so schnell veralten. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, McLuhan oder Baudrillard auf Wikipedia anzuwenden.” Hier glaubt jemand an echte Definitionen und trauert ihnen hinterher. Medienhistoriografie hat uns aber gezeigt, dass es kaum Sinn macht, von definierten Medien zu sprechen (hierzu ließe sich viel ausführen, nur als Stichworte: Wann ‘beginnt’ ein Medium, eins zu sein? Ändern sie nicht vor allem im 20. Jahrhundert immer ihre Gestalt und bilden sich immerzu in neue um? etc.). Vielmehr ist Medienwissenschaft der Ort, an dem man endlich mal üben kann, sich im Denken an nicht mehr fixe Objekte zu gewöhnen und vielmehr zu lernen, aus den bekannten quasistabilen Größen gerade die Elemente herauszulesen, die dann dazu dienen, ‘neue Medien’ zu bestimmen, auszudenken, in ihrer zeitlichen und diskursiven Verankerung zu analysieren… es macht keinen Sinn, Wikipedia aus sich selbst oder aus der Gesellschaft oder aus Autorensicht für den Neffen zu erklären, sondern es macht Sinn, McLuhan oder Baudrillard oder andere “auf Wikipedia anzuwenden” (wenn man glauben möchte, dass Theorie ein dem Gegenstand äußerliches tool ist, das man nur wie die Zange anlegen müsste), denn erst in dieser “Anwendung” entsteht der Raum zum Hin- und Hersehen zwischen eigener Wahrnehmung, Gegenstandskonstitution, Phänomenen usw., der Raum, in dem sinnvolle Aussagen erst generiert werden können. Die fließen nicht aus der Zange.
Weniger wichtig, aber auch schlicht falsch ist, dass der Medienwissenschaft ein Geburtsmythos fehle: Es gibt mehrere, in den letzten Jahren wurde eifrig daran gebastelt (vgl. ZfM 1); die Frage wäre vielmehr, ob es nicht zynisch ist, überhaupt fordernd nach einem solchen zu fragen, wenn unmittelbar im Anschluss daran zitiert wird, Leute würden einfach besser arbeiten, wenn sie einen hätten. Wiederum direkt gefolgt vom unausrottbaren Lob der Randständigkeit, Mythosliebling Nr. 2.
“Das Soziale” steht bei Lovink seltsamerweise nicht zur Debatte. Man weiß, wovon man spricht. Warum aber sind wir dann nicht alle Soziologen? Wären wir es, würden wir sofort aufhören, “das Soziale” als Einheit zu betrachten. Definierbares gibt es immer nur auf der nächsten grünen Wiese, oder mit halb zugekniffenen Augen.
Manche Pappkameraden mögen in anderen Ländern oder fremden Büchern stehen, aber ich sehe nicht die hegemonialen Medienwissenschaftler, die ihre Ratio daraus ziehen, dass a) die Medien fusionierten, b) die Paradigmen von Film und Fernsehen dem Digitalen überzustülpen seien (genauso gut oder schlecht hätte Lovink hier das Gegenteil behaupten können). Während ich mich frage, auf welche medienwissenschaftlichen Diskurse sich Lovink (mit Galloway) bezieht, lese ich plötzlich ein “wir”, das dann doch wohl eine Gemeinsamkeit in der Wahrnehmung des Fachs unterstellt. Entweder hier werden verschiedene wissenschaftliche Felder (über Jahrzehnte, Länder, methodische Vorlieben…) durcheinanderworfen oder ‘fehlerhaft fusioniert’, oder die Einschätzung des Autors ist eine eigene Projektion.
Wahrscheinlich dient die Rede vom Wir dem Umschlag der Textform: Für ein Manifest ist dieser Text zu lang. Er predigt. Der Schluss ist eine Beschwörung: Lassen wir die akademische Kanzel hinter uns und widmen uns der kollektiven Imagination. Amen. Meine Imagination des Kollektiven will allerdings nicht ohne akademisches Denken sein. Die wichtige Kritik am herrschenden Umgang mit Medienkonzernen hat nichts mit der blöden Dichotomisierung von Elfenbeinturm und Selbstorganisation zu tun. Das bloße Lesen von Texten helfe nicht weiter? Welcher der selbstaufgestellten Medienwissenschafts-Pappkameraden spräche denn vom ‘bloßen Text’? (Ist der viel zitierte Manovich, der offensichtlich als Orientierungspfahl positiv durchgeht, kein Medienwissenschaftler, und bezieht er nicht Filmtheorie auf digitale Medien?) Und vor allem: Wie solls denn gehen mit der Verteufelung vom Text? Warum schreibt und liest der Autor denn noch (nur aus Gefälligkeit gegenüber einer Zeitschrift, die immer noch im Print erscheinen will)?
Der Prophet ist nichts ohne einen turn, der natürlich einen neuen Namen haben muss, hier “quantitative oder computational”. Der Schluss schlägt vor, dass “wir uns selbst als Akteure in das Heldenepos der Neuen Medien einbringen und uns in einer offenen und schließlich souveränen Weise auf die uns umgebenden Medientechnologien beziehen”. Wir, wir folgen Dir, mit dem Ziel der Souveränität, Akteure sind wir uns selbst. Stimmt, dafür bräuchte ich keine Medienwissenschaft.
Comment von Ulrike Bergermann — 29. Mai 2011 @ 17:36
Da Geert Lovink aus der niederländischen Tradition der Pflege minimaler Differenzen zwischen diversen kleinen Religionsgemeinschaften heraus schreibt (sog. “Verzuiling”; http://de.wikipedia.org/wiki/Verzuiling), könnte es im Sinne einer Gegenpredigt nicht unangemessen sein, einen Satz zu zitieren, den Matthew Arnold einst als Ausdruck einer gewissen Besorgnis über die unaufhaltbaren Aufspaltungs- und Ausdifferenzierungstendenzen unter den protestantischen Sekten im englischen Sprach- und Kulturraum formulierte: “It is not the aim and work of culture to give the victory to some rival festish.”
Wobei Matthew Arnold zugegebenermaßen einen völlig veralteten Medienbegriff hat.
Comment von Vinzenz Hediger — 10. Juni 2011 @ 08:08